20.6., die „Five Finger Rapids“
Diese berüchtigten Stromschnellen haben deshalb ihren Namen, weil sie – aus der richtigen Perspektive betrachtet – an eine riesige Hand erinnern, die aus dem Wasser ragt, genauer gesagt, an fünf Finger.
Es scheint unglaublich, dass auch diese Passage jahrzehntelang von Raddampfern befahren und (fast) immer gemeistert wurde. Heute stellen sie für jeden Yukon-Kanuten den Höhepunkt dar, für uns mit dem Floß ist das eine besondere Herausforderung.
Wildwasser erfahrene Experten wagen gelegentlich, einen der linken Kanäle zu befahren, wirklich sicher ist nur der rechte – und für Floßfahrer ist es ohnehin der einzig mögliche Weg. Wir haben uns lange darauf vorbereitet, und unter die Vorfreude mischt sich immer wieder gehöriger Respekt.
Vor dem Start verzurre ich unser Gepäck, die zwei wasserdichten Tonnen, unsere Rücksäcke, Marc’s Expeditionskiste und die schwarzen Müllsäcke, in denen wir unseren Proviant verstaut haben, noch gründlicher als sonst. Wir starten bei Kilometer 371, bis zu den „Five Finger Rapids“ sind es 13 Kilometer. Genügend Zeit, um sich auszumalen, was denn alles schief gehen könnte. Wir brauchen etwa eineinhalb Stunden bis wir zu der lang gezogenen Rechtskurve kommen, die an ihrem Ausgang den Blick auf die Rapids freigibt. Wir „schleichen“ endlos in der rechten Ufernähe durch die Kurve, sie will und will kein Ende nehmen. Bei allem Respekt, mir geht’s zu langsam. Ich nehme die Angel zur Hand. Auch wenn heute keiner beißen mag, zumindest vertreibt es die Wartezeit.
Endlich sind die Stromschnellen zu sehen. Sie sind so beeindruckend, wie wir es uns vorgestellt hatten. Es rauscht von weitem schon bedrohlich. Wir bleiben rechts, es sieht aus, als sollte der rechte Kanal problemlos angelaufen werden können. Den Kanal selbst müssen wir dann mittig nehmen.
Auf dem Felsen am rechten Ufer ist eine Zuschauerplattform. Es ist sicher für jeden Besucher etwas Besonderes wenn gerade dann, wenn er dort oben steht, ein Kanute sein Glück in den Stromschnellen versucht. Ein Floß ist darüber hinaus eine absolute Rarität. Heute scheint niemand dort oben zu stehen. Als wir um die Kurve geschlichen kamen, konnten wir eben noch einen großen Touristenbus sehen, der den Aussichtspunkt verließ.
Kurz vor dem felsigen Eingang schieben wir das Raft in die Mitte des rechten Kanals: „Den Hintern noch ein wenig rein! Nase nach rechts! Passt!“ Martin steht hochkonzentriert am vorderen Ruder. Das Floß liegt sauber genau in Fahrtrichtung auf dem Wasser. Jetzt geht’s los! Der Bug taucht ein, das Wasser schwappt über das Floß aber es liegt unwiderstehlich in den Fluten – Klasse!
Und dann kommt doch Gejohle vom Felsen. Ein paar Buschen haben das Glück, ein Floß durch die Rapids fahren zu sehen, zudem mit perfekten Manövern! Marc und ich können es uns nicht verkneifen, wir lassen die Rapids Rapids sein und winken den Burschen zu, wirkt cool, isses auch. 8)
Wenige Kilometer später folgen noch die „Rink Rapids“, auch sie sind rechts zu nehmen, sind aber viel zahmer als die „Five Fingers“. Das klappt jetzt schon eher spielerisch.
Am Abend genehmigen wir uns ein Fläschchen kanadischen Rotwein. Wir gehören nun zu dem erlauchten Kreis derer, die die Stromschnellen mit dem Floß befahren haben!
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