Edmond Spaziergänger
Anmeldedatum: 31.01.2005 Beiträge: 3
Wohnort: Nidau CH
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Verfasst am: 21.06.2007, 17:07 Titel: Sempre Avanti |
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Auf nach Aosta
Ungewöhnlich war die Reisezeit, denn erst am Nachmittag fuhren wir mit dem Zug nach Martigny. Wir hatten keine andere Wahl, der erste Bus. Martigny nach Aosta fuhr um sieben Uhr, Für uns war er nicht erreichbar, und es spielte auch keine Rolle, wir haben Ferien. In Lausanne hatten wir fast eine dreiviertel Stunde Zeit und genossen im Bahnhofbuffet eine Stange Bier. Die Fahrt durch das Rhonetal war recht gemütlich, allerlei wurde erzählt, hauptsächlich die Hochzeit von Susanne gab viel zu reden. Der Zug rollte in Martigny ein, hinter dem Bahnhof stand der Blaue Bus mit italienischem Nummernschild. Wir stiegen ein und merkten, dass vor allem italienisch gesprochen wurde, die Sprache, mit der wir uns in den nächsten Wochen herumschlagen werden. Die Fahrt über den St. Bernhard war für uns nichts Neues, und doch freuten wir uns. Etwas nach sieben Uhr fuhr der Bus in Aosta ein. Ein mächtiges Gewitter entlud sich über der Stadt. Im Busbahnhof kaufte ich zwei Karten nach Rhemes Notre Dame, Uns fehlte nur noch der Grappa, diese Aufgabe fiel mir zu, denn ich war ortskundig. Um acht Uhr fuhr der Bus zur Stadt hinaus, es regnete immer noch. Ich machte mir deswegen keine Sorgen, ein Gewitter ist schnell vorbei. Der Fahrer lenkte sein Fahrzug durch die engen Strassen der malerischen Dörfer, hie und da stiegen Leute aus, und bald waren wir die einzigen Gäste, die in das abgelegene Bergdorf reisten. Als der Bus in Rhemes Notre Dame anhielt, traten einige Dorfbewohner aus der Kirche. Das Wartehäuschen bot uns Schutz , und wir konnten im Trockenen unsere Poncho überziehen.
Vor Jahren eriebte ich in diesem Dorfe eine besondere Geschichte. Auf einer Skitour Im Val d'lsere gelangten wir am frühen Nachmittag in dieses Dorf, unser Etappenziel war die Rif. Emanuela. Im Hotel, das einzige im Ort, kehrten wir ein, und fragten den Wirt wegen eines Transports nach Pont. Der Wirt hatte alle Ausreden und fuhr nicht. Ich gönnte mir eine Siesta im Liegestuhl und liess mich von der Sonne bräunen. Die anderen suchten im Dorfe vergebens nach einer Fahrmöglichkeit. Es wurde Abend, und langsam mussten alle einsehen, dass wir bleiben mussten. Gerne machte der Wirt die letzten Betten bereit, und wer keines fand, musste in der nahen Scheune mit einem Heulager vortieb nehmen. Wir waren begeistert davon und bereiteten uns auf die Nacht vor, aber nicht, indem wir das Lager einrichteten, nein, das hatte noch Zeit Alkohol sollte auch wärmen, und wir sprachen dem Roten zu. Das Nachtessen danach schmeckte uns besonders gut, und die Küche konnte fast nicht genug auftischen. Einige Grappa rundeten den Abend ab. und bald zog ein Laternenzug zur Scheune. Lärmig war die Unterhaltung, das Heu war voller Staub und mit Spinnennetzen überzogen. Es dauerte lange bis Ruhe einkehrte. Am Morgen wurden wir von unseren Hotelschläfern freundlich empfangen, sie hatten ein schlechtes Gewissen und sorgten sich um uns, denn sie gaubten, wir hätten die ganze Nacht geschlottert, doch dies war nicht so. Schaden genommen hatten nur einige Rucksäcke, denn Mäuse hatten Löcher hinein genagt und sich am Proviant gütlich getan. Komisch war die Sache doch, am Morgen standen zwei Busse da, der Wirt und sein Bruder fuhren uns nach Pont. Ihre Rechnung war aufgegangen, und uns war es so auch recht.
Mit diesen Erinnerungen machten wir uns auf den Weg, es regnete immer noch. Ich hatte vor, ausserhalb des Dorfes das Zelt aufzustellen. Blitze zuckten, und rollend wälzte sich der Donner durch das Tal. Der Weg wurde steiler, im Wald ging es in vielen Kurven bergan. Die Nacht brach ein. Ich wurde unruhig, denn ich mache nicht gerne solche Experimente. Nach anderthalb Stunden lichtete sich der Wald, und wir standen auf der Hochfläche der Alp. Plan de fa Feya. ( 2403m ) Es war halb Zehn, der Regen fiel nur noch leicht. Ohne Hast stellten wir in vier Minuten unser Zelt auf. Das rauschende Bächlein in der Nähe bot uns Wasser, und, als ob nichts gewesen wäre, kochte auch bald das Abendessen.
Valle delle Meyes
Als ich auf meine Uhr schaute, war es 7 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Leichte Nebelfetzen trieben durchs Tal, der Himmel war fast wolkenlos. Das Gras war trotz des Regens nicht allzu nass, das war die Wetterprognose. Das erste Gewitter und die Feuertaufe hatte unser „Naito“ gut überstanden, nur das Zeltdach war nass, wir waren zufrieden. Langsam schlenderten wir durch den Talkessel, einige Gemsen suchten in den Hängen nach besonderen Kräutlein, schrille Pfiffe der Murmeltiere unterbrachen die Stille des Tales. Stolz standen die letzten Lärchen vereinzelt zwischen Felsblöcken, die überwachsen waren mit Alpenrosenstauden und Moos- Der Pfad war zum Teil noch recht gut erhalten, die grossen Steinplatten erleichterten uns den Anstieg. Dieser Übergang war einmal von grosser Bedeutung, er war ein Teil der grossen Handelswege der Alpen. Bizarr baute sich die Felsbastion auf, und von Weitem sah es aus, als gäbe es keinen Übergang. Rechts streiften die ersten Sonnenstrahlen den kleinen Gletscher des C. di Entrelor. Wir näherten uns einigen Alphütten, die zum Teil verfallen waren. Eine war noch besser erhalten, sie diente als Biwak, Es war kalt, und wir verweilten nicht lange. Das Weglein führte durch eine Schutthalde und war stellenweise abgerutscht. Ich bewunderte die Pioniere, die diesen Wegebau gewagt hatten. Ohne Mühe stiegen wir gemächlich dem Passe zu. Steinplatten und Felsblöcke mussten umgangen werden, aber das schafften wir gut, einzig die Trittsicherheit war noch nicht ganz so, wie wir es gerne hätten. Frisch blies der Wind über den 3007 m hohen Col di Entrelor. Die Aussicht war herrlich, nur der Gran Paradiso war noch in Wolken gehüllt. Der letzte König von Italien, Vittorio Emannuele III., vermachte dem Staat 1922 rund 72 000 Hektaren, welche den Grundstein zum National -Park legten. Dank des Königs haben wir in der Schweiz wieder Steinböcke, denn diese wurden im Gran Paradiso gefangen und in unseren Alpen ausgesetzt. Nur durch die Bewachung königstreuer Truppen konnte sich der Bestand der Steinböcke in diesem Gebiet erhalten. Talauswärts spiegelte sich die Sonne in den Bergseen Lac Noire und Lac Djouan. Wir hielten uns nicht länger auf und begannen mit dem Abstieg. Das kleine Schneefeld hatte seine Tücken, denn die Sonne hatte schon ein Weile in diesen Hang geschienen, und somit musste man mit Einbrüchen rechnen. Vorsichtig betrat ich das Schneefeld und ging tastend Schritt um Schritt weiter, auf einmal trug mich die Decke nicht mehr, das Oberrist der Schuhe war voller Schnee. Auffallend war die Flora in diesem Gebiet , Blumen haben sich bis auf die Passhöhe hinauf gewagt. Der Gletscherhahnenfuss stand in voller Blüte, Fliegen und Falter besuchten die gelben Staubgefässe, auch sein Verwandter, der Berghahnenfuss, stand zwischen den Felsblöcken. Diese Blumen haben sich vom Balkan bis hin zu den Pyrenäen verbreitet. An windgeschützten Stellen stand der Alpen - Hauswurz in voller Blüte. Von ihnen gibt es etwa 1500 Arten, sie kommen vor allem in Trockengebieten vor. Als ich noch ein Kind war, sah man die Hauswurz auf den Dächern in unserem Dorf, sie sollten gegen Blitzschlag schützen. Weiter unten weidete eine Steingeiss mit ihrem Jungen, sie nahm kaum Notiz von uns. Im Talboden, zwischen den Hügeln, sonnten sich die Herren. Die Steinböcke verbringen den Sommer zusammen in einem Rudel, zur Brunftzeit im Herbst suchen sie dann die Weibchen auf. Der Wind blies vom Tal her und wehte den Geschmack von den Böcken zu uns. Der Blumenteppich beim Lac Djouan versöhnte unsere empfindlichen Nasen mit wohlriechendem Duft. Einladend waren seine Gestade, Siesta-Time. Zur Feier des Tages, gönnten wir uns einen Tropfen Grappa - oder waren es mehrere? Im See bildeten sich Kreise, die von den springenden Fischen stammten. Einige Jugendliche erreichten das Ostufer, es war wieder 11 Uhr, lärmend gesellten sich weitere dazu, aus war es mit der Beschaulichkeit. Wir löffelten unsere Suppe, und nahmen wenig Notiz von den Schülern, es ist auch schön, unterwegs jüngere Leute anzutreffen. Einige Burschen haben ein Schneefeld entdeckt, und das reizte sie sehr, doch der Leiter war nicht ganz einverstanden mit ihrem Vorhaben, er rief sie zurück.. Nach kurzem Palaver erreichten die Jungen doch, was sie vor hatten. Aus der Feme konnten wir ihre Begeisterung hören. Ingrid hatte keine Ruhe, sie untersuchte die nähere Umgebung und fand ein ausgeblichenes Steinbockgeweih, das sie kunstvoll auf einen Steinhaufen bettete. Wolken zogen auf, es wurde ungemütlich, wir packten und wanderten dem Blumenpfad entlang weiter. Beim Schneefeld, wo die Burschen Rutschpartien machten, bot uns die Natur eine Überraschung. Soldanellen, das echte Alpenglöcklein, blühten neben Alpenrosen. Frühling und Sommer reichten sich die Hand. Der Weg war gut ausgebaut. An den Steilhängen durch Trockenmauern gestützt, war er bequem im Anstieg. Ich schätze diese Mulatiera sehr, in Gedanken bin ich oft in der Vergangenheit und kann mir sehr gut vorstellen, wie es auf solchen Handelswegen zu und her ging. Der Weg ist heute nicht mehr einwandfrei, der Zahn der Zeit hat Spuren hinterlassen. Geröll und Schutt hatten einige Abschnitte zerstört, auf dem La- Weg gelangten wir zum Grat hinauf. Unter uns lag ausgebreitet das Valle delle Meyes, unser Etappenziel. Gegenüber, auf den Schneefeldern beim Gran Paradiso, mühten sich einige im Abstieg, der Gipfel war immer noch mit Wolken verhängt. Unser Pfad bot eine Augenweide, ein Blumenmeer breitete sich aus, unten im Talboden ästen einige Steinböcke, einer lag auf einem grossen Block und kratzte sich in aller Ruhe mit den Hörnern den Rücken. Biwakplätze gab es viele, doch wir sind verwöhnte Trekker, und wenn die Auswahl so gross ist, dauert es meistens etwas länger. Die Bergruhe war ansteckend, und bald verschwanden wir im Schlafsack, denn die vorige Nacht war etwas zu kurz geraten. Ein Steinschlag, der über die Felsen zu Tale donnerte, weckte uns. Zum Glück, denn fast hätten wir unser Abendessen verschlafen.
Rif. Cittä di Chivasso
Der erste Blick aus dem Zelt war nicht gerade ein Aufsteller. Der Grand Paradiso war wieder in Wolken eingepackt, unten im Tal trieb der Nebel langsam dahin, aber zum Glück konnte das unsere Stimmung nicht verderben. Nach kurzer Zeit staunten wir nicht schlecht, denn ganz in unserer Nähe weideten an die hundert Steinböcke. Gemächlich schritten wir auf den Steinplatten dahin und beobachteten die Tiere. Noch nie auf unseren Touren hatten wir so etwas gesehen. Von Pont her wanderten einige Gruppen durchs Tal Piano del Nivolet, sie mussten sich mit dem Anblick der Kühe zufrieden geben. Traumhaft war der Panoramaweg, vielfältig die Flora, die kleinen Bäche, und wieder war da ein Rudel Steinböcke, die gegen den M. Taou Blanc stiegen. Unsere Blicke fielen auf die Alp du Nivolet, sie ist verfallen, nur ein Ruinenfeld zeugt noch von ihrer einstigen Grosse. Erstaunlich waren auf einmal die grünen Hänge, und wir stellten fest, dass sich dort, wo Kühe und Schafe weideten, die Blumen zurückgezogen hatten. Vermutlich vertragen sie den Dung der Tiere nicht. Der Steinbockmist dagegen schien sie nicht zu stören. Später sahen wir ein parkiertes Auto, und wir fragten uns, wie der Wagen wohl in diese Bergwelt gekommen war. Die Antwort gab uns die asphaltierte Strasse, auf die wir gleich danach stiessen. Es war elf Uhr, und weitere Wagen fuhren vom Col di Nivolet (2612) her, in diese traumhafte Bergwelt. Viele Touristen parkten ihre Fahrzeuge direkt am Ufer des Lago di Nivolet 2526. Ganze Gruppen genossen ihr Picknick da, und doch, die Sauberkeit der Ufer war erstaunlich. Für uns war der Gestank der Autos alles andere als angenehm, aber wir folgten der Strasse bis zum Rif. Savoia 2532. Touristen standen vor dem Haus, und einige studierten die Menukarte. Es war Mittag, und wir hatten Hunger, aber es gefiel uns nicht in diesem Rummel. Bald zogen wir weiter zu dem Ref. Citta di Chivasso 2526. Der Hüttenwart war am Holzen, freundlich war sein Gruss. Die Ordnung war nicht gerade hervorragend, überall stand etwas herum, der Auslauf der Toiletten stank auch ohne Sonnenschein. Mit gemischtem Gefühl betraten wir die Hütte, doch ich musste meine Meinung ändern, im Haus war alles sehr sauber. Auf den Tischen waren Tücher, an den Wänden hingen Bilder von Bergen, es war richtig gemütlich. Der Junge des Hüttenwarts machte den Service, der Vater betreute die Gäste und fragte uns, woher wir kamen. Stolz zeigte ich dem Hüttenwart auf der Karte den zurückgelegten Weg und erläuterte unser Vorhaben für die nächste Woche. Beeindruckt widmete er sich den anderen Gästen. Der Junge brachte den Wein und die Spaghetti, wir genossen die Atmosphäre der Hütte, freuten uns an den Wanderern, die eintrafen, und bald waren wir mit einigen im Gespräch. Nach dem Mal bestellten wir Kaffee, dieser wurde persönlich vom Hüttenwart serviert, dazu spendierte er uns einen Tannenschnaps. Diese Geste hat uns sehr erstaunt und erfreut, lachend genossen wir den Kaffee. Alles hat einmal ein Ende, und wir verlangten die Rechnung. Der Chef des Hauses trat an unseren Tisch, rechnete nicht lange und erklärte, die Getränke seien ein Geschenk des Hauses. Er sei früher auch viel unterwegs gewesen und liebe die Berge, wir sollten die Region des Mont Thabor grüssen. Voller Staunen verliessen wir das Haus -- immer wieder passieren uns solche Sachen. Wir sind keine besonderen Menschen, und doch müssen wir eine eigenartige Ausstrahlung haben. Bergschuhe mit den guten Sohlen. Sicher stampfte ich dem Pass zu, und Ingrid konnte bequem in meiner Spur gehen. Auf dem Übergang machten wir keine Pause, ich traute dem Wetter nicht, und hier oben muss man immer mit Schneefall rechnen. Der Abstieg machte mir einige Schwierigkeiten, denn mein Stock war zu Hause geblieben. Zum Glück ging alles gut, die Schneefelder lagen hinter uns. Jetzt mussten noch die Bäche überschritten werden, die von allen Seiten herabflossen. Von dem Felsbalkon aus sahen wir hinab in das Vallone del Roc. Sieben Sennereien standen verstreut auf dieser Alp, leider waren keine mehr bevölkert. Der Abstieg war einfach, und bald standen wir am Ufer des Sees, oberhalb der Alp Breuillet 2250. Wir packten unsere Säcke aus und genossen ein Grappa, die Hafersuppe weckte unsere Lebensgeister, und nach der Siesta wanderten wir weiter. Wir besichtigten einige der verlassen Alphütten und stellten fest, dass Steinböcke und Gämsen darin Quartier bezogen hatten. Bunt waren die Alpweiden, und in der Ferne bimmelten Kuhglocken. Die ersten Touristen begrüssten uns, und, wie immer, überhäuften sie uns mit Fragen. Ein Franzose wollte wissen, wie der Übergang beim Col Porta sei. Die ersten Lärchen standen in den Hängen, würzig roch es nach Harz. Unten im Tal lärmten die Autos, und auf einmal haben wir nichts anderes im Kopf als Bier. Etwa um vier Uhr erreichten wir das Dorf und fragten Passanten nach einem Laden. Zufällig befand sich dieser auch im Restaurant. Wir genossen das Bier, der Wirt war sehr geprächig und hatte Freude an uns, grosses Interesse zeigte auch sein Enkel, gemeinsam studierten sie die Karte. Unsere nächste Sorge war ein Biwakplatz, wo werden wir das Zelt aufstellen ? Nicht weit von der Beiz war ein Campingplatz, und wir steuerten diesen direkt an. Viele Kinder standen herum, und ich fragte nach dem Chef. Freundlich begrüssten wir uns, und ich fragte nach einem Platz. Der Chef teilte mir mit, dass dies ein privater Campingplatz sei, und Nichtmitglieder hier nicht zelten dürfen. Ich gab nicht nach und stürmte, bis er weich wurde und uns erlaubte, das Zelt aufzustellen. Interessiert schauten uns die Jugendlichen zu, und staunten, wie schnell unser Zelt stand. Das Abendessen war für uns ein Festmahl. Kartoffeln und Käse, dazu Wein aus der Gegend - wieso auch nicht.
Pialpetta
Die Nacht hatte Tränen hinterlassen, tropfnass war unser Zelt, und die Sonne stand noch hinter den Bergen. Wir Hessen uns etwas mehr Zeit. Ingrid profitierte von der Dusche. Es war ein schöner Morgen, die Zelte dampften und die ersten Sonnenstrahlen erreichten schon die Südhänge. Ich war zufrieden und bereitete unser Morgenessen vor. Eine Herde Kühe setzte sich, von einem Hund getrieben, in Bewegung und zog bimmelnd am ändern Ufer bergauf. Etwa um 9 Uhr machten auch wir uns auf den Weg, den Spuren der Kühe nach. Hier und da konnte man den frischen Kuchen fast nicht ausweichen, und ich hoffte nur, dass diese Scheisser, einen ändern Weg haben werden als wir. Herrlich war die Wanderung unter den grossen Lärchen trotzdem, der nahe See war eine Augenweide. Bei der Villa Poma 1584 zweigte unser Pfad ab, steil ging es durch den alten Bergwald hinauf, und immer wieder sah man auf den See. Nach zwei Stunden erreichten wir die Alp Fumanova 2223, eine Quelle bot uns frisches Wasser. Vor uns baute sich eine wilde Berglandschaft auf, durchzogen von Erdwällen und Blockfeldern. Vor dem Code di Crocetta 2641 lag ein Schneefeld, eine kleine Verschnaufpause, ein Glas Wein, und weiter ging es dem Pass zu. Wie alle Tage um diese Zeit zogen Wolken auf, die uns sehr ärgerten, denn mit der schönen Aussicht war es vorbei. Der Wind frischte auf, und nichts konnte uns am schnellen Abstieg hindern. Beim Bergsee Vercettina 2482 machten wir zum erstenmal eine grössere Pause. Bald kochte die Suppe, doch die Sonne mochte nicht durch die Wolken scheinen, es war nicht gemütlich. Einige Italiener erreichten den See, den sie temperamentvoll begrüssten. Wir rollten unsere Deckeli aus und versuchten, ein wenig zu schlafen, leider war es zu frisch. Der Pfad war vom Regenwasser ausgewaschen, und dies erschwerte den Abstieg. Einige Murmeltiere begrüssten uns mit scharfen Pfiffen. Die verlasse Alp Gias del Burich hatte auch schon bessere Zeiten erlebt, sie ist dem Verfall ausgeliefert. Nach einigen Kurven erreichten wir die untere Alp Gias di Mezzo, hier stand eine Hütte gut erhalten da, einige Idealisten haben sie vor dem Zusammenbruch gerettet. Wie um alle Alphütten, haben sich Titiplacken verbreitet, die gerne in gut genährten Kuhmistböden wachsen. Ein schöner Höhenweg machte die weitere Wanderung sehr angenehm. Die Heidelbeeren waren eine willkommene Delikatesse, blau wurden unsere Hände vom Saft der Beeren. Summend suchten die Insekten bei den vielen Blumen den begehrten Nektar. Sanft wehte der warme Wind den harzigen Duft von den Lärchen bergan. Unten im Talboden weideten Kühe, emsig waren die Bauern von Rivotto dabei, Heu einzubringen. Die kleine Kapelle passte gut zu diesem Bergdorf, unser Weg führte uns einen Pilgerpfad mit all seinen Gebetsstationen entlang. Der Kastanienwald nahm uns auf und bot uns Schatten bis ins Dorf. Mitten in Pialpetta war ein Restaurant, einige Grossväter sassen an den Tischen und plauderten, uns begrüssten sie wie alte Freunde. Sofort kamen wir mit ihnen ins Gespräch, als sie vernahmen woher wir kamen und wohin wir wollten, waren alle überrascht von unserem Vorhaben. Der Wirt brachte uns das ersehnte Bier, zwei Flaschen reichten nicht, eine dritte musste her. Ich machte Einkäufe im Laden und bezahlte zugleich das Bier - zum Ladenpreis. Schwarze Wolken zogen auf, ein Gewitter war im Anmarsch. Ich wusste, dass am Bach bei der Brücke eine Lagune sein soll, dort werden wir diese Nacht lagern. Fluchtartig verliessen die Männer die Tische, wir schulterten die Säcke und eilten zur Brücke hinunter. Eine Sandbank bot uns einen idealen Platz. Die ersten Tropfen fielen, schnell stand unser Zelt. Einige Jugendliche waren bei den grossen Steinen und beobachteten uns, aber das Gewitter hatte kein Mitleid mit ihnen, es brach mit aller Gewalt ins Tal und duschte die Teenies. Spät in der Nacht weckten mich Stimmen, ich sah nach, die Jungen waren wieder da und sassen am Feuer. Kurz darauf stolperte einer von ihnen über eine Zeltschnur, sofort stand ich vor dem Zelt und polterte. Der Junge entschuldigte sich in aller Form, bald darauf verschwanden die nächtlichen Ruhestörer.
Gastfreundschaft
Von den Bäumen tropfte es, der Sand war klebrig. Ich war vom Wetter nicht begeistert, aber wir sind nun mal Trekker und kommen mit jeder Begebenheit zurecht. Wie schon erwähnt, ich bin kein Freund von Sand, und beim Packen war er überall. Wenn man nicht aufpasst, gelangt er sogar in den Proviant und knirscht dann zwischen den Zähnen.
Nach langem Aufstieg durch den Bergwald erreichten wir die Alp Nuovo, die Rinder waren im Stall, kein Mensch war zu sehen, und die kläffenden Hunde vermissen wir auch. Hoch standen die Brennnesseln ums Haus, der Pfad hatte grosse Steintreppen, was das Vorankommen etwas erschwerte. Das Tal wurde enger, bedrückend wirkte der Cima Noassa auf uns. Nach dieser Traverse erwartete uns ein schönes Hochtal mit seinen Alphütten. Gemächlich wanderten wir durch die stille Bergwelt, erfreuten uns am Lago di Trione, die Alp dei Lagi war gut erhalten, eine Türe stand offen für Wanderer, die vor einem Gewitter Schutz suchen. Unser Weg führte eine Felsbarriere entlang, die mit Niedererlen bewachsen war. Die Stauden waren nass, und der Erstgehende hatte das Vergnügen, die Tropfen abzustreifen. Ein grosser Steinblock lud zu einer Rast ein, Wasser bot die nahe Quelle, ein Stück Brot und Käse waren unsere Verpflegung. Der Wind vermochte mein Hemd nicht zu trocknen, und es war nicht sehr angenehm, dieses wieder anzuziehen. Ingrid ergötzte sich immer an meinen -damenhaften- Bewegungen, aber ich musste mich so winden, denn der Stoff klebte an meiner Haut. Weiter ging es durch das Gestrüpp, und wir erreichten ohne Schwierigkeiten den 2485 m hohen Übergang. Der Bergsee Vasuera 2237 lud uns zur Siesta ein, leider wurde es nur ein Suppenhalt. Drohend bauten sich schwarze Wolken auf, der Poncho wurde vorbereitet, man weiss ja nie, was noch kommt. Auf den Alpen waren weitere Siedlungen verstreut, die wegen ihres Baumaterials fast mit der Landschaft verschmolzen. Bimmelnd weideten die Kühe, und der Gewitterregen trommelte auf unsere Ponchos. Der Weg war rutschig, und unsere Schuhe wurden schwerer. Wir stiegen tiefer und erreichten nach einem Waldstück das Dorf Molette1478. Das halbe Dorf war auf den Beinen und eilte zur Kapelle. Eine Frau, die behängt war mit vielen Halsketten, begrüsste Ingrid wie eine gute Freundin. Im Ort gab es keinen Laden, und so mussten wir noch weitere 2 km gehen bis nach Balma. Dieser Ort war ein Feriendorf, viele Touristen promenierten durch die Strassen. Beim erstbesten Laden stellten wir unsere Säcke ab, traten ein und verlangten Sprit. Die junge Frau verstand uns nicht und holte die Nachbarin. Leider hatten sie nur Reinigungssprit in dem Regal, aber sie schickten uns in den Sportladen gegenüber. Gut bekleidete Berggänger standen im Geschäft und unterhielten sich mit dem Inhaber. Sofort wurden wir nach unseren Wünschen gefragt, leider gab es auch hier nicht den begehrten Stoff, man verwies mich zum nächsten Laden. Hier begrüsste mich eine alte Frau freundlich. Ich versuchte, so gut es ging, ihre Sprache, kaufte Suppen und Käse und verlangte Sprit. Da gab es Verständigungsprobleme, die Frau war nicht verlegen, trat vor den Laden und suchte Passanten, die französisch sprechen konnten. Bald kam sie mit Sprit hervor und versicherte, dass dieser brenne. Ich zahlte, und zum Abschied schenkte mir die liebenswerte Frau noch Teigwaren und Tomaten. Beim Sportgeschäft war Ingrid mit den Leuten im Gespräch, ich packte meinen Rucksack aus und füllte den Brenner mit Sprit, denn ein Brenntest sollte zeigen, ob es der richtige ist. Er entzündete sich, brannte aber nicht weiter. Ich schraubte die Flasche zu und schenkte sie einem Mann. Nun fragte ich nach dem Gite d' Etape. Eine Diskussion begann unter der Gruppe, und bald fragte mich ein sportlich aussehender Mann, ob wir bei ihnen übernachten wollten. Wir schauten uns völlig überrascht an und sagten zu. Drei fröhliche Kinder begrüssten uns, die Augen der Ehefrau glänzten, man sah, dass sie glücklich war und sich über den Besuch freute. Ausserhalb des Ortes machte unser Gastgeber vor einem Laden Halt, die Frau musste noch einkaufen, ich ging mit. Beladen mit einer Flasche Wein und Fleisch für den nächsten Tag kam ich zurück. Die Fahrt ging talaus bis zu dem Dorf Mondrone. Vor einem grossen Eisentor endete die Fahrt, drei schneeweisse Hunde, russische Samojeden, begrüssten uns mit freudigem Geheul, wir öffneten das Tor und traten vor das Haus. Ich zog die Schuhe aus und hängte meine tropfnassen Socken an dem Baugerüst auf. Bald wurde uns die Wohnung gezeigt, ich staunte, denn auf dem Tisch in der Stube hätte man keine Briefmarke mehr ablegen können, die ganze Platte war belegt, ähnlich sah der Raum aus, die Küche bot den selben Anblick. Die Harmonie der Familie verdeckte all das Durcheinander, und eine Top - Ordnung passte nicht zu diesen natürlichen, liebenswerten Menschen. Die Frau war ein goldiges Wesen, sie hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Bald reichte sie Ingrid ein Bademantel, sie musste zum Duschen gehen. Mir servierte ein Mädchen einen gebratenen Apfel, der köstlich war. Unser Gastgeber interessierte sich sehr für unsere Tour. Auf der Karte zeigte ich, wo wir gestartet waren und dann die ganze Route bis nach Balma. Die Zeit verging, und er machte sich auf in die Küche, denn heute Abend gib es Potenta, und die kochte der Hausherr. Im Schlafzimmer flogen die Fenster auf, die Bettlaken wurden gewechselt, die Frau richtete das Ehebett für uns. Im Garten standen zwei Tische, wir trockneten sie ab, die Mädchen brachten das Besteck. Schon brachte der Koch die Pfanne mit der dampfenden Potenta, und alle nahmen am Tisch Platz. Lange dauerte das Essen, die Unterhaftung war trotz Sprachschwierigkeiten sehr lustig. Mit einem Grappa schlössen wir die Tafelrunde. Die Frau brachte ein Kartenspiel, und wir mussten uns mit der Spielregel vertraut machen. Wir spielten, bis es dunkel wurde, ein Tee. Der für schöne Träume sorgen sollte, wurde gebraut und serviert. Nun ist der Tag gelaufen, wir zwei mussten ins Ehezimmer, und die Gastgeber teilten sich in der Stube, wo die Mädchen ihre Betten hatten, die Couch. Wir staunten nur noch und fanden uns dankbar mit dem Schicksal ab.
Lago Verde
Die Nacht verging allzu schnell, der Hausherr klapperte mit dem Geschirr, wie abgemacht, um 7 Uhr, und bereitete das Morgenessen vor. Wir packten und achteten sehr darauf, dass alles, was uns gehörte, in die Rucksäcke kam. Der Abschied war ein wenig hart, denn es waren sehr nette Gastgeber, die wir vielleicht nie mehr sehen werden. Der Herr des Hauses fuhr uns nach Balma zu dem Ausgangspunkt zurück und begleitete uns noch ein Stück des Weges. Die Hunde sprangen vorab und waren begeistert von dem Ausflug. Leider meinte es der Wettermacher nicht so gut mit uns, wir mussten die Ponchos überziehen und im Takt mit dem Donner weiter wandern. Zuerst ging es durch den Wald, der hauptsächlich aus Lärchen bestand. Ab 2000 m, breitete sich das Bergtal aus, rechts eine balkonartige Felsbastion, inmitten des Tales floss ein vom Regen gespeister Bach talauswärts. Meine Schuhe und Socken waren nass wie am Tag zuvor, die Alp Pian Buet 2006 kam mir wie gelegen. Ich sagte unserem Begleiter, dass wir dort für eine Weile Schutz suchen wollten, bis der Regen aufhöre. Der Abschied war herzlich, nur der Hund Orso hatte etwas dagegen, er wollte noch nicht nach Hause. Die Hütte stand offen, wir betraten den StalI und stellten fest, dass seit längerer Zeit kein Vieh hier gewesen war. Jede Aiphütte hatte einen Wohnraum, ich sah nach und fand eine offene Türe. Der erste Eindruck machte mich nachdenktich. Wie einfach doch die Wohnungseinrichtung war. Vorne beim Fenster, auf der rechten Seite, war ein Stein auf dem Boden, es war die Feuerstelle. Darüber ein Ausschwenkarm, an dem die Pfannen aufgehängt wurden. Einige Nägel in den Balken dienten als Kleiderschrank. Einzig das Holzgestell eines Bettes mahnte an die gegenwärtige Zeit. Wie einfach war doch das Hirtenleben, und wie schön wird es besungen in all den Liedern ! Ich packte meinen Schlafsack aus und legte mich einwenig hin. Nach einer Stunde trieb der Wind die Wolken weg, und die ersten Sonnenstrahlen erwärmten die Erde- Wir machten uns auf den Weg zu dem See, der für heute unser Ziel war. Traumhaft war die Gegend, nach einem Felsband sahen wir den See, eingebettet in die felsige Umgebung. Kristallklar war sein Wasser, die umliegenden Berge spiegelten sich darin. Etwas oberhalb des Sees fanden wir einen idealen Platz, schnell stand unser Zelt. Auf den Steinplatten wurden die Schlafsäcke zum Trocknen ausgebreitet, wir waren wieder im Element. Den Nachmittag verbrachte jedes auf seine Art, eines zeichnete, das andere entdeckte die Umgebung, wir waren wieder draussen in unsern Bergen.
Gr. Pian Andre
Früh verliessen wir unser hochgelegenes Bergbiwak und wanderten durch das stille Bergtai dem Übergang zu. Leuchtend grüssten noch einmal die Bergseen, stumm die Berge. Wir verliessen ein Tal, das uns für eine Nacht Gastrecht geboten hatte. Auf dem P s0 Paschiet 2435 setzten wir uns auf einen Stein und verschnauften ein wenig. Unten im Talboden, bei den Alphütten, weideten einige Kühe. Links vor uns türmte sich der Torre d' Ovarda auf, ein mächtiger Felsklotz. Wir stiegen ab und erreichten die verfallenen Alphütten auf 2000 m, leider ging unser Weg nicht talaus, er stieg an, und der Übergang war 400 m Höher. Ein Hirt spannte einen Zaun, denn die Schafe sollten auf der anderen Seite des Berges bleiben. Wie immer, wir plauderten, der Hirt erzählte uns, dass seine Mutter aus der Provence komme, und er selber, habe in der Schweiz gearbeitet. Mit gemischten Gefühlen betrachtete ich den Abstieg, kein Weglein war zu sehen und der Hirt meinte, der Abstieg sei nicht einfach. Er zeigte uns noch einen Anhaltspunkt und ab ging's, den Hang hinunter. Ohne grössere Schwierigkeiten erreichten wir den erwähnten Punkt, erleichtert atmeten wir auf, es war wirklich nicht einfach gewesen, aber wir freuten uns zu früh. Das Weglein wurde nicht besser, Erlenstauden und sonst allerlei Gestrüpp hatten den Pfad fastzugewachsen, und das Gehen an der steilen Halde war wie russisches Roulette. Wir schafften es, und als Lohn spendierte der Wald einige Erdbeeren. Fast genau um Mittag erreichten wir das kleine Bergdorf Usseglio, 1265. Der Dorfladen hatte noch offen, und wir kauften ein. Das Bier war ein Genuss. Nach der Sista machte ich den Vorschlag, auf dem langen Strassenstück Autostopp zu machen. Nur einige Schritte mussten wir gehen, und ein Italiener nahm uns mit bis nach Margone 1410. Glücklich wanderten wir weiter, freuten uns an den heuenden Bauern, genossen die Landschaft und den rauschenden Bach. Schwarz zogen wieder Wolken auf, die ersten Tropfen liessen nicht lange auf sich warten. Die Rücksäcke fielen zu Boden, und bald stand unser schützendes Dach. Heftig trommelten die schweren Tropfen auf das Zelt, der dumpf rollende Donner war kaum zu hören, es war ein Erlebnis. Schnell trocknete die Sonne unser Zelt, der Duft der vielen Blumen stach uns in die Nase, es war ein Morgen wie im Bilderbuch. Nach kurzer Wanderung gelangten wir an das Ufer des Lago di Maldaussia 1850, er war ein Stausee. In seinen Fluten sah man die einstige Strasse und die Steinmauern der Koppeln, friedlich spiegelten sich die umliegenden Berggipfel auf der Wasseroberfläche. Unsere Aufmerksamkeit galt dem Restaurant, das gerade öffnete. In der Morgensonne vor dem Gasthaus genossen wir einen Kaffee, die Nusstorte war köstlich. Gegenüber des Sees waren einige Wanderer unterwegs. Die bunt bekleidete Gesellschaft kam gut voran, und wir nahmen an, dass es die Gruppe aus Deutschland sei, von der uns die Leute erzählt haben. Fast widerwillig hoben wir die Säcke auf die Schulter und zogen weiter. Am Ende des Sees war ein Heimwesen. Ziegen und Schafe weideten verstreut uns Haus, und etwas Graues bewegte sich hühnerhaft im Freien. Beim näheren Betrachten stellte sich heraus, dass es Truten waren, die in Gruppen Nahrung suchten - seltsame Vögel. Früher hatten die Bauern auch Ackerbau betrieben, die kunstvoll errichteten Terrassen sind noch Zeuge der vergangenen Ära. Viele harte Arbeitsstunden haben die Bergbewohner für diese Bauten aufgebracht, und heute verfallen sie. Die Natur holt sich zurück, was ihr einst genommen wurde. Wir haben einige Kontinente bereist, und konnten immer wieder sehen, dass die Menschen an den Hängen ihre Terrassen bauten, sobald der Boden im Tal zum Anbau nicht mehr ausreichte. Der Weg war ein Muletiera. Es war ein Erlebnis, bei jedem Schritt und Tritt der Vergangenheit zu begegnen. Der Aufstieg war aussergewöhnlich, links erhoben sich die Felsmassen des M. Toulo, das kleine Schneefeld auf dem Gipfelgrat des M. Palon gleisste in der Morgensonne. Der Blick zurück ins Tal war zauberhaft. Der Abstand zur Gruppe vor uns wurde kleiner, und es war die Überraschung des Tages, als wir zu ihnen kamen. Nicht Junge Leute oder Personen mittleren Alters waren es, sondern es waren alte, junggebliebene Menschen, die eine mehrtägige Fernwanderung machten. Ich hatte grosse Achtung von diesen Grossmüttern und Grossvätern, denn solche Berggänger habe ich noch nie angetroffen, Hut ab vor ihnen! Beim Pass di Ferno 2590 plauderten wir noch ein wenig miteinander, ich teilte den Rüstigen mit, woher wir kamen, und wo unser Ziel sei, auch sie bewunderten uns. Der Höhepunkt der heutigen Wanderung sollte erst noch kommen - es war der Panoramaweg, massenweise Bergblumen, und Pflanzen, die mir unbekannt waren. Weit unten zwängte sich der Alltagsverkehr durch das Tal, und hier oben herrschte Ruhe, das Gesumme der vielen Insekten war Musik. Auf einmal kamen wir an eine Verzweigung. Welches ist nun das richtige Weglein? das war die Frage. Zielsicher nahmen wir dasjenige, das den Hang entlang führte. Es wurde steiler, was ich gar nicht begreifen konnte, denn nach der Karte sollten wir fast keine Steigung haben. Ich änderte die Richtung und schritt talauswärts. Und, wie schon oft, ein Haus der Alp Arcella war angeschrieben, wir waren wieder auf der Route. Fröhlich war die Mittagsrast, halfen etwa der Grappa und der Wein dabei ? Leider schien die Sonne nicht, und deshalb gab es keine Siesta. Wir gingen weiter, erreichten den Lärchenwald, stärkten uns mit Beeren aller Art und standen auf einmal vor dem kleinen Bergweiler Trucco 1706. Das Gite war nicht zu übersehen, schäumend füllten sich die Biergläser. Einige Deutsche waren auch da, und es gab eine interessante Unterhaltung. Wir konnten feststellen, dass Trekker ganz andere Erlebnisse haben und alles intensiver erleben als gewöhnliche Rucksacktouristen. Uns gefiel es hier, und wir hatten vor, für einmal eine Ausnahme zu machen, und in dieser Herberge zu essen, doch der Preis für eine Polenta war uns zu hoch. Wir fragten nicht und stellten unser Zelt bei einem unbewohntem Haus im Vorgarten auf. Die Sonne wärmte unsere Schlafsäcke, das Abendessen dampfte bald, es roch verführerisch. Wein, Bier und noch Grappa hinterher haben Folgen und machen die Zunge leichter, auf jeden Fall war es gemütlich.
Heute haben wir ein Stressprogramm vor, das eigentlich nicht zu uns passt. Vor uns liegt der 1500 m Abstieg nach Susa, der erst gemacht werden muss. Wir verliessen den schönen Biwakplatz, das Gite machte einen verschlafenen Eindruck. Ausser einigen Hähnen, die den Tag ankündigten, war tiefe Stille im Ort, fast wie Schelme machten wir uns davon. Zum Abstieg ist nicht viel zu sagen, es ging durch den Wald, an verfallenen Häusern vorbei, in deren Grundmauern schon Bäume mit dicken Stämmen gewachsen sind. Wir konnten daraus schliessen, dass die Siedlungen vor rund 75 Jahren aufgeben wurden, in der Zeit der Industrialisierung. S. Giuseppe ist ein Vorort von Susa, ruhig wie ein Schlafzimmer. Auffallend die grossen Gärten, kaum Menschen auf der Strasse. Hart war der Asphalt, und die drückende Hitze machte uns fast fertig. Nach etwa 3 km Marsch durch den Backofen standen wir mitten auf der Piazza, umringt von vielen Autos und Touristen, schwüle Luft, fast nicht zum Atmen. Es kam mir vor wie im Märchen, die erste Aufgabe haben wir gelöst. Nun kam der Einkauf an die Reihe. Zum Glück war ein Coop - Laden in der Nähe. Ingrid wartete in der kühlen Halle bei den Rucksäcken, und ich raste mit dem Einkaufswagen den Regalen entlang. Im Park packten wir den Proviant ein und assen unser Mittagessen unter einer schattigen Lärche. Nicht der Wind säuselte durch die Äste, es war das Dröhnen der Automotoren. Ingrid eilte zur Information, denn die dritte Aufgabe war noch nicht gelöst. Mit einem Zettel kam sie zurück, worauf stand, wann ein Bus fährt. Zur angegebenen Zeit warteten wir bei der Haltestelle, Minuten vergingen, kein Bus kam. Ingrid sah sich das Gebäude besser an und merkte, dass es der Bahnhof war. Am Schalter teilte man uns mit, dass 10 Minuten nach 1 Uhr ein Zug fahre. Erleichtert schlürften wir einen Kaffee, die Gelati war köstlich. Nach mehr als einer Stunde Fahrzeit stiegen wir in Bardonnecchia aus, die Luft war angenehm, wir atmen wieder auf. Unser Ziel war das Ref. Magi, zu Fuss fast nicht mehr erreichbar, aber ein Taxi machte es möglich. Nach einer halben Stunde standen wir in einer traumhaften Bergwelt, inmitten von Lärchenwäldern. Langsam schritten wir dem Bach entlang, betrachteten die vielen Blumen und suchten einen Biwakplatz. Auf einmal standen wir auf einer Waldlichtung, es gab kein Suchen mehr. Unser Zelt stellten wir unter einer stämmigen Lärche auf. Nach der Arbeit der Lohn, in unserem Fall ein Ricard. Hell leuchteten die Felsen, der nahe Bach rauschte, leicht bewegte der Wind die Äste, es war wie im Märchen. Ingrid besuchte noch den Lac Vert, ich hütete das Zelt, denn es waren Touristen da. In der Abwesenheit von Ingrid rüstete ich unser Nachtessen und überlegte, denn ich hatte noch keine konkrete Tour für den Herbst. Nach der Karteneinsicht hatte ich einen Vorschlag. Ingrid kam zurück, sie war begeistert von dem See und erzählte mir, wie er aussah. Besonders die kahlen Stämme auf dem Boden des Sees und das Grün von den Algen hatten sie sehr beeindruckt. Ich breitete ihr meine Neuigkeiten vor, Ingrid war von dem Tourenvorschlag auch begeistert, und es war eine abgemachte Sache, wir werden im Herbst in die Haut - Dauphine reisen. Es war ein traumhafter Abend, die Sonne beleuchte nur noch die Gipfel, und die ersten Sterne glitzerten am Himmelszelt. Warum ist alles so vergänglich?
Lac Ste – Marguerite
Langsam wanderten wir dem Bach entlang, grüssten einige Trekker, die am Zusammenpacken waren. Vor uns schritt ein Mann ohne Rucksack in zügigem Tempo durchs Tal. Bei der Pont de la Fonderie 1897 endete der flache Teil, eine Talsperre von 300 m riegelte das Tal ab. Mit unserem bewährten Bergschritt meisterten wir diese Stufe ohne Schwierigkeiten. Der Mann vor uns ging langsamer, und wir überholten ihn, es war ein Italiener im Silberalter. Freundlich grüssten wir, und ich fand es schade, dass wir nicht miteinander reden konnten. Das wird sich ändern, nach den Ferien! Nach diesem Aufstieg standen nur noch vereinzelte Bäume in der Hochebene. Alles sah anders aus, zusammengefallene Berge, grosse Schotterhalden und grasbewachsene Hügel prägten die Landschaft. Die hohen Berge waren im Laufe der Zeit durch Erosion und Witterung zusammengebrochen. Der spärliche Pflanzenwuchs produziert in 100 Jahren 1 cm Humus, die Rechnung ist leicht. Für 10 cm Erde benötigte die Natur 1000 Jahre. Wie lange dauert es noch, bis alle Berge zu grünen Hügeln geworden sind? Auf dem flachen Boden vor dem nächsten Aufstieg weideten Kühe. Wir mussten mitten durch diese Herde, kauend schauten uns die Rindviecher an. Es ist nur gut, dass die Tiere nicht wissen, dass wir sie eines Tages verzehren werden. Nach der zweiten Stufe wurde die Landschaft noch monotoner, das Kreuz auf dem Pass kündete das Ende dieses Tales an. Der Wind blies um die Ohren, wir zogen unsere Hellis an. Links des Passes erblickten wir die Mt. Thaborhütte, unser Ziel. Vor uns dehnte sich das lange Tal, der Abstieg nach Modan. Unweit des Passes, in einem Blockfeld, tummelten sich junge Murmeltiere. Wir hatten Spass an ihnen und versuchten, einige Aufnahmen zu machen. Auf dem Hüttenweg lag noch Altschnee, und wieder waren Frühling und Herbst nahe beieinander. Bei der Hütte machten wir eine Pause, bestellten einen halben Roten und Käse. Der ältere Herr hatte es auch geschafft, glücklich liess er sich auf der Bank nieder, verschnaufte und versuchte, mit uns ins Gespräch zu kommen. Wir waren erstaunt über sein biblisches Alter und gaben ihm zu verstehen, dass wir uns mit ihm freuten, dass er noch solche Wanderungen unternehmen konnte. Wolken zogen auf, die schwarz und schwer waren. Schnell packten wir unsere Säcke und eilten zum See hinauf. In einigen Minuten stand unser Zelt, die Rucksäcke flogen in den Innenraum, und schon prasselten die ersten Tropfen nieder. Unsere Situation war klar, hier werden wir einige Tagen bleiben und Ausflüge machen. Gewitter sind in dieser Jahreszeit täglich zu erwarten, sie sind zum Glück von kurzer Dauer. Den Nachmittag verbrachte jedes nach seinem Wunsch. Ingrid machte Wäsche, und ich wagte einen Ausflug und wanderte über den Grat zum Cheval Blanc, dabei entdeckte ich weitere Tourenmöglichkeiten und kam zufrieden ins Camp zurück. Der See war warm und das Bad erfrischend, das Aperitif an seinem Gestade einmalig.
Col du Cheval Blanc
Die Sonne hatte ihren Weg zu uns schon gefunden, und ihre Strahlen wärmten uns auf. Es war richtig einladend zum Wandern, und dies taten wir auch. Ohne Säcke auf dem Rücken schlenderten wir zum Lac Long. Der nicht weit von unserem See entfernt lag. Leicht ansteigend auf gutem Pfad, durch Blockfelder und Altschnee, erreichten wir in kurzer Zeit den Col des Batailteres 2787. Wie ein Turm sah der Cheval Blanc aus, und wirkte von hier aus mächtig. Vor uns lag eine Urlandschaft, kaum von Menschen verändert. Unser Ziel ist der Pass Cheval Blanc, der westlich vom Mont Thabor liegt. Ohne Instrumente wählte ich die Richtung, meine gewählte Route führte zuerst über ein Schneefeld, dann schritten wir tänzerisch über Blöcke und freuten uns an der Bilderbuch - Bergwelt. Eine Geröllhalde, die vom Mont Thabor herkam, gefiel mir nicht. Die Steine hatten sich so ineinander geschichtet, dass der ganze Hang wie eine Lawine ins Rollen kommen könnte,.sobald ein Brocken wegrutscht. Wir wichen aus und machten einen sicheren Umweg. Um 10 Uhr erreichten wir den Pass, es war ein besonderes Gefühl, alleine in den Bergen zu sein. Die Aussicht bot einiges, ich zählte 8 Bergseen und, soweit das Auge sehen konnte, gab es Gipfel in allen Farbschattierungen, wie die Felsen in Marokko. Wir Hessen uns Zeit, sassen an der Sonne und plauderten. Aber um 11 Uhr kamen sie wieder, die Wolken, und für uns hiess es - zurück ins Camp! Das schöne Wetter hatte einige Wanderer in die Höhe getrieben, die ihr Picknick am See genossen. Wir gönnten uns einen Ricard, feierten ein wenig und genossen die würzige Suppe. Nach der Siesta hatte Ingrid noch einmal Lust auf eine Tour, ich schickte sie über die Passage Ste. Marguerite in die Urlandschaft. Ich selber faulenzte, genoss ein Bad und unterhielt mich mit Passanten. Wolken zogen bedrohlich schnell auf, ich sah Ingrid auf dem Pass und war froh, dass sie vor dem Gewitter zurück kam. Der erste Blitz zuckte und es wollte nicht enden, fast die ganze Nacht hindurch tobte das Unwetter.
Heimreise
Es war eine unruhige Nacht, am Morgen hing Nebel an den Bergen. Es war eine richtige Heimreisestimmung, uns war es verleidet. Nach dem Morgenessen packten wir, nahmen Abschied vom See, und schlenderten zur Hütte. Die Hüttenwartin gab uns noch einen Plastiksack voll Abfall mit, und talaus ging es, nach Modane hinunter. Es war ein langer, monotoner Abstieg. In Charmaix haben wir es versäumt, ein Taxi zu bestellen, aber das weiss man erst hinter her. Der Weg bis hinunter nach Modane war sehr unangenehm, wir mussten zum Teil auf der neuen Autostrasse laufen. Modane ist der Ausgangsort für viele Touren, vor allem Trekkingreisen werden von hier aus gestartet. Viele Touristen schlenderten umher und betrachteten uns mit Verwunderung, wahrscheinlich der Säcke wegen. Das Erste, was wir planen mussten, war die Reise nach Hause. Nach kurzer Zeit hatten wir die Billetts, und wussten, dass der Zug nach 14 Uhr fährt. In dem kleinen Gasthaus beim Bahnhof Hessen wir uns nieder, genossen eine Stange, und bestellten ein Mittagessen. Die anderen Gäste waren neugierig und fragten uns fast wie Reporter aus. Die Zeit verging zu schnell, der Zug rollte aus dem Bahnhof, und unsere Trekkingtour gehörte schon zur Vergangenheit. Mit einem Rucksack voller Erlebnisse und Erinnerungen sassen wir im Zug, mit neuen Ideen für weitere Touren rollten wir nach Hause. |
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